Gezwitscherte Liebe

Shakespeares „Romeo und Julia“ auf Twitter: Katharina Lifson vom Literaturhaus Rostock realisiert Schulprojekt

von svz.de, 01. Juni 2015, 06:00 Uhr

Wie würde die Geschichte von Romeo und Julia ausgehen, wenn sie nicht vor mehr als 400 Jahren, sondern heute spielen würde? Müsste William Shakespeares Tragödie wirklich mit dem Tod enden? Oder würde das Paar glücklich zueinander finden?

Katharina Lifson vom Literaturhaus Rostock hat sich all diese Fragen gestellt und dabei die zündende Idee für ein innovatives Schülerprojekt gehabt. Darin entern Romeo und Julia die Twitter-Welt. Was sie in dem sozialen Netzwerk schreiben, ob sie Fotos hochladen oder Musikvideos empfehlen, ist dabei völlig offen. „Romeo und Julia spielen Rollen in einem Stück von Shakespeare. Jeder, der in der Medienwelt aktiv ist – ob auf Facebook, Instagram oder anderen sozialen Netzwerken – nimmt auch eine Rolle ein“, sagt Lifson. In ihrem Projekt legen Schüler Twitter-Profile für die Figuren aus Shakespeares Drama an. „Die Biografie desjenigen, der eines dieser Profile pflegt, verknüpft sich mit der Rollenbiografie“, erklärt Lifson. So entstünde eine neues „Romeo und Julia“.

Dass Katharina Lifson überhaupt erst auf die Idee kam, den Klassiker nicht nur aus literarischer, sondern auch aus medienpädagogischer Sicht zu betrachten, darauf hat sie ihre 15-jährige Tochter gebracht. Diese schreibe gerne – Kolumnen, Kurzgeschichten und auch Liedtexte. Auf Instagram finde sie eine Plattform, auf der sie ihre Gedanken veröffentlichen kann. Das Resultat: Die 15-Jährige findet immer mehr Follower, also Nutzer, die ihre Beiträge lesen wollen. „Menschen, die in sozialen Netzwerken aktiv sind, geben bewusst Einblicke in ihr Leben. Einige würden dieses Etwas-von-sich-preisgeben als Selbstinszenierung bezeichnen, als egozentrisch. Ich betrachte das als Geschenk“, erklärt Lifson. „Früher haben wir Kassetten aufgenommen und diese unseren Freunden geschenkt oder wir haben Postkarten geschrieben. Wer eine Musikliste im Internet zusammenstellt und diese seinen Freunden empfiehlt oder ein Bild aus dem Urlaub sendet, macht genau das Gleiche.“

Lifsons Projekt steht unter dem Titel „Romeo und Julia in Lichtenhagen“. Eine der verfeindeten Familien habe in der Neuzeit-Variante von der Geschichte einen Migrationshintergrund. „Doch ist das der Grund, warum die beiden Verliebten heutzutage nicht zusammenkommen?“ Lifson lässt die Frage offen. Die Schüler sollen ihre eigene Antwort finden.

Bis zu 15 Teilnehmer können sich für das Projekt eintragen. Heute geht es los. „Wir treffen uns immer montags von 15.30 bis 17 Uhr“, sagt Lifson. In dieser Zeit wird „Romeo und Julia“ zunächst in die Lebenswelt der Jugendlichen übertragen. Zudem werden wichtige Rollen, Handlungsstränge und Konflikte herausgearbeitet. Sie bilden die Grundlage für alles, was im Anschluss in der Twitter-Welt passieren wird. Aus der Perspektive der Schüler werden dort, im Internet, die erarbeiteten Szenen erzählt – und zwar in 140 Zeichen. Mehr wird auf Twitter nicht angezeigt. „Die Höhepunkte aus ,Romeo und Julia’ werden stark komprimiert dargestellt“, sagt Lifson, die das Projekt begleitet und am Ende alles als Blog-Eintrag veröffentlicht. Anschließend wird die Gruppe beim Lokalradio Rostock aus den Ergebnissen der Schreib- und Medienwerkstatt eine Hörspielreihe produzieren. „Das Projekt wird zu 100 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Wir arbeiten mit neuester Technik. Auch die Fahrtkosten bekommen die Schüler erstattet“, so Lifson. „Wenn alles gut läuft, haben wir die Möglichkeit, ein ähnliches Projekt noch zwei weitere Male zu realisieren“, ergänzt sie.

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